Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne


 
Hellsichtige Zeitdiagnose
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Taschenbuch) Ich bin selbst kein Sozialwissenschaftler und will nicht die fachliche Qualität des Buches bewerten. Persönlich hatte ich nach der Lektüre jedenfalls den Eindruck, ein paar Dinge klarer zu sehen.

Rosa geht in seinen Ausführungen immer wieder auf zwei Sachverhalte ein, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Das ist einmal der Befund, dass eine wachsende Zahl von Menschen die Wahrnehmung hat, über immer weniger Zeit zu verfügen, obwohl der technische Fortschritt zunehmende Möglichkeiten bietet, Prozesse verschiedenster Art in immer weniger Zeit abzuwickeln. Zum anderen ist es die Charakterisierung unserer gesellschaftlichen Entwicklung als "rasender Stillstand", ein Ausdruck, der allerdings nicht von Rosa, sondern von Paul Virilio bzw. seinen Übersetzern stammt.
Wer das Buch aufmerksam durchliest, dürfte am Ende wissen, wie sich diese Widersprüche erklären und wie sie miteinander zusammenhängen. Ein wenig Vorwissen sollte man allerdings schon mitbringen, wer beispielsweise mit den Namen Max Weber, Reinhart Koselleck oder Niklas Luhmann gar nichts verbindet, könnte irgendwann frustriert sein.

Bei mir persönlich haben vor allem zwei Erklärungsversuche zu Aha-Erlebnissen geführt. Einmal der so genannte kulturelle Motor der Beschleunigung des Lebenstempos als quasi "säkularer Ewigkeitsersatz", will sagen, dass die Menschen seit dem Verlust der Jenseitsgewissheit und des Ewigkeitsglaubens am Ende des Mittelalters in der Neuzeit und Moderne sich zunehmend darauf angewiesen sehen, ein erfülltes Leben in ihrer begrenzten Zeit im Diesseits zu realisieren und das am ehesten zu schaffen glauben, in dem sie in immer kürzerer Zeit immer mehr zu leisten und zu erleben versuchen: Beschleunigung gegen unendlich also - leider eine Falle...
Zum andern die These, dass Depressionen eine zunehmende individuelle Reaktion auf die soziale Beschleunigung darstellen, weil immer mehr Menschen das Gefühl haben, ihr Leben gleite ihnen von anonymen Kräften fremdbestimmt und ohne jedes erkennbare Ziel zunehmend aus der Hand während die Zunahme der Wahlmöglichkeiten bei immer ungewisseren Rahmenbedingungen sie überfordert oder gar lähmt...

Zu fragen bleibt natürlich auch bei dieser skeptischen Zeitdiagnose, ob die Sicht des Autors nicht zu pessimistisch ist, ob es sich bei den geschilderten Problemen nicht letztlich um Anpassungsschwierigkeiten in einer spezifischen Übergangsphase handelt, die sich irgendwann wieder einpendeln werden. Ob die Geschichte anstatt an ihr Ende zu kommen oder einem Abgrund entgegen zu steuern nicht letztlich doch immer wieder zu Kurskorrekturen in der Lage ist. Die Antworten darauf muss allerdings jede/r selbst finden.

Mein Fazit: eine lohnende Lektüre. Wer das Buch sorgfältig durcharbeitet, hat übrigens selbst schon einen Beitrag zur Entschleunigung geleistet - das dauert halt ein Weilchen, wenn man selbst kein Experte ist. Ich möchte aber Mut machen und behaupte: "So viel Zeit muss sein..."
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 18. Juli 2008
Kundenrezensionen:
3. Hellsichtige Zeitdiagnose (die aktuell angezeigte Rezension)
2. Eine kristallklare Analyse unserer spätmodernen Kultur
1. "Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen" (11).
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