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| Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne
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Eine kristallklare Analyse unserer spätmodernen Kultur
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Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Taschenbuch) Rosa beabsichtigt mit dieser Habilitationsschrift eine Rekonzeptualisierung der aktuellen Gesellschaftstheorie. Ausgehend von der Grundannahme, daß die Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins in hohem Maße von den Zeitstrukturen der Gesellschaft abhängt, in der wir leben, stellt er die Hypothese auf, "daß die in der Moderne konstitutiv angelegte soziale Beschleunigung in der 'Spätmoderne' einen kritischen Punkt übersteigt, jenseits dessen sich der Anspruch auf gesellschaftliche Synchronisation und soziale Integration nicht mehr aufrechterhalten läßt." (S. 49/50) Im Zentrum steht die Ambivalenz der Beschleunigung, die von Anfang an sowohl als 'Weg zum wahren Leben' als auch als 'allesverschlingender Abgrund' erfahren wurde.
Verbindendes und antreibendes Prinzip der vier bekannten Modernisierungstendenzen nebst ihrer Paradoxa ist die Beschleunigung: (1) Struktur (Differenzierung), Paradox: Desintegration; (2) Kultur (Rationalisierung), Paradox: Erosion der Sinnressourcen; (3) Persönlichkeit (Individualisierung), Paradox: Vermassung; (4) Naturverhältnisse (Domestizierung), Paradox: Ökokatastrophe. Rosa beschreibt technische und soziale Beschleunigung sowie die Beschleunigung des Lebenstempos als einen "Akzelerationszirkel", einen sich selbst antreibenden Prozeß, der aber auch noch von externen Triebkräften angetrieben wird: Dem ökonomischen Motor (Geld = Zeit). Dem kulturellen Motor: Angst (den Anschluß zu verpassen) und der Verheißung (immerwährender Prosperität) - Geldvermögen als Kontingenzbewältiger und Beschleunigung als säkulares Äquivalent des 'ewigen Lebens'. Dem sozialstrukturellen Motor (Temporalisierung von Komplexität). Ganz besonders fungierten Nationalstaat und Militär als moderne Akzeleratoren.
Tiefgehende Analysen von Vormoderne, 'klassischer' Moderne und Spätmoderne zeigen einen Entwicklungstrend zu immer stärkerer Beschleunigung auf, der mit der Landkarte und der mechanischen Uhr begann und dessen gegenwärtiger Höhepunkt das Internet ist. In der 'klassischen' Moderne entwickelte sich eine lineare Zeitvorstellung. Geschichte ist ein verstehbarer, gestaltbarer und gerichteter Prozeß (Fortschrittsidee, Verzeitlichung der Geschichte). Es gibt die Perspektive einer stabilen, planbaren, selbstbestimmten und narrativ als Entwicklungsgeschichte angelegten Identität. (Verzeitlichung des Lebens) In der Spätmoderne geht bei hoher Wandlungsgeschwindigkeit der politische Richtungsindex verloren. Nur situative Politik ist noch möglich. (Entzeitlichung der Geschichte) Eine stabile Identität im Sinne eines "Lebensprojektes" wird preisgegeben. Nur situative Identität und Lebensführung bleiben möglich. (Entzeitlichung des Lebens)
Detailreich und anschaulich entwickelt Rosa die vielfältigen Desynchronisationsphänomene der Spätmoderne aus allen vier Modernisierungsperspektiven. Obwohl die technische Beschleunigung Zeit frei setzt, erfahren Individuen Zeitdruck aufgrund von 'Verpassensangst' und Anpassungszwang. Der 'Primat des Befristeten' und die exponentiell sich vermehrenden Optionen erlauben nur eine situative Identität, was einerseits zum Verzicht auf den Entwurf einer langfristigen Lebensplanung und zur Lebensstilfigur des 'zeitjonglierenden Spielers', andererseits zur Erfahrung des zeitlichen Stillstands, zu Fatalismus und massiven Depressionserkrankungen führt. In der Moderne hat die Politik einen Gestaltungsauftrag. In der Spätmoderne schrumpft der Zeitraum für Entscheidungen, während die Zahl notwendiger Entscheidungen wächst. Alle Versuche, Entscheidungen in schnellere Systeme zu verlagern, verhindern nicht, daß Zeit- und Planungsbedarf pro Entscheidung und die Reichweite von Entscheidungswirkungen wachsen. Folge: Die Politik agiert nicht mehr, sie reagiert nur noch.
Der gleichzeitige Verlust einer referenzstiftenden Vergangenheit und einer sinnstiftenden Zukunft ist die Wurzel der kulturellen Krisenerfahrung. Der aufgeklärte Säkularismus mit seinem Doppelengagement für Selbstbestimmung und Großtechnologie verabschiedet sich vor unseren Augen in einer globalen Verwahrlosung. Die Dinge laufen jetzt, wie sie wollen. Rosa entwirft als wahrscheinlichstes Zukunftsszenario ein ungebremstes Weiterlaufen in den Abgrund mit nuklearen und klimatischen Katastrophen und einem Zusammenbruch der modernen Wert- und Sozialordnung.
Diese grundlegende Analyse unserer spätmodernen Gegenwartskultur ist eine gewaltige, ehrfurchtgebietende Leistung. Sie ist allgemeinverständlich und üppig mit veranschaulichenden Beispielen angereichert. Dem Werk ist die weiteste Verbreitung zu wünschen. Wären doch alle rein akademischen Arbeiten von dieser Qualität!
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. Januar 2011 | | |
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| Siehe auch folgende Artikel: |
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| | | Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit... Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte... Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesells... Über die Zeit: Arbeiten zur Wissenssoziologie I... Rasender Stillstand
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| | Mehr zu Soziologische Theorien, Politik & Geschichte
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